In ihrer kanadischen Heimat sind Madison Violet längst Stars und wurden für ihre Musik, einer melodischen Melange aus Americana, Bluegrass und etwas Pop und vorgetragen von perfekt miteinander harmonierenden Stimmen, bereits mit mehreren Folk Awards ausgezeichnet. Hierzulande gelten Brenley MacEachern und Lisa MacIssac noch als Geheimtipp den es zu entdecken lohnt. Ein Interview mit Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac nach ihrem Auftritt beim diesjährigen Orange Blossom Festival.
Lasst uns gleich mal ein bisschen über das Tourleben sprechen. Welche schlechten Eigenheiten habt ihr nur auf Tour und welche hingegen versucht ihr während einer Tour auf Rücksicht gegenüber dem Anderen zu vermeiden?
Lisa. Wow. Was für ein verrückter Einstieg (lacht). Aber ich glaube es gibt eigentlich nichts wo man sagen könnte das wir den anderen damit nerven. Ich habe eher Mitleid mit unserem Tour-Manager. Wir sind ja manchmal sechs bis sieben Stunden von einem Gig zum nächsten unterwegs in diesem Van. Adrian, unser Bassist liegt meistens auf dem Platz auf dem ihr sitzt und wir haben die anderen beiden Rückbänke für uns. Der einzige der teilweise stundenlang ohne Gesellschaft auskommen muss ist er.
Brenley: In einer Band zu sein und auf Tour zu gehen, das bedeutet das man sich in Geduld üben muss. Ohne Geduld und ohne ein hohes Maß an Toleranz funktioniert so etwas nicht. Aber es gibt Grenzen. Adrian etwa schnarcht und damit ist klar, das niemand mit ihm ein Zimmer teilen will. (lacht)
Was hat euch die Erfahrung des vielen Tourens gelehrt. Welche Fehler versucht ihr nicht mehr zu begehen während des Unterwegsseins?
Lisa: Alkohol vor einer Show zu trinken, zumindest nicht zu viel. Darüber sind wir hinweg. Danach hast du den Rest der Nacht für jedweden Exzess und kannst Party machen. Wenn nicht am nächsten Tag wieder ein Gig wartet. Da müssen wir schon vorsichtig sein, denn das Hauptaugenmerk unsere Musik liegt auf dem Harmoniegesang und wenn eine von uns eine angeschlagene Stimme hat, dann würde das die Dynamik des gesamten Konzertes beeinflussen. Aber eigentlich findet sich auf einer Tour immer eine Gelegenheit eine Party zu feiern, das gehört einfach dazu.
Brenley: Die Nacht vor einem Day-off, da kann man die Zügel schon ein bischen locker lassen, aber wie gesagt, wir sind da vorsichtig. Allerdings touren wir jetzt schon so lange zusammen, das wir immer sehr schnell unseren Rhythmus finden und genau abschätzen können was wir tun können und was nicht.
Ist es ein Unterschied hierzulande unterwegs zu sein, oder in Amerika?
Brenley: Es gibt sicherlich Unterschiede, etwa beim Publikum. Hier in Deutschland sprechen zwar die meisten Englisch und verstehen auch sicherlich das meiste, aber dennoch halten wir unsere Ansprachen etwas kürzer oder versuchen zumindest langsamer zu sprechen. Und natürlich ist alles viel aufregender, weil wir jeden Tag neue Orte kennen lernen. Okay, mittlerweile spielen wir auch in Städten in denen wir schon waren, aber gerade jetzt auf der Tour waren es auch wieder einige die zum ersten Mal auf dem Tourplan standen.
Lisa: Ein Problem ist es auch in Ländern aufzutreten zu denen ein großer Zeitunterschied besteht, wie in Deutschland. Ich glaube es sind sechs oder acht Stunden Differenz zu Amerika und nach der Landung sind wir direkt zur ersten Location gefahren und haben eine Show gespielt. Der Jetlag ist ein großes Problem und meist leiden wir die erste Hälfte einer Tour darunter. Man steht oft völlig neben sich und die Auftritte haben so etwas von gegen eine Wand anzuspielen, weil der Kopf sich noch in der vorigen Zeitzone befindet.
Seid ihr jemand der versucht etwas vom jeweiligen Auftrittsort mit zu bekommen. Ich habe zuletzt etwa Robin Pecknold von den Fleet Foxes getroffen, der immer ein Fahrrad mithat um die Umgebung zu erkunden…
Brenley: Wow, das ist cool. Wir haben uns auch schon Fahrräder ausgeliehen, wenn wir den Luxus eines freien Tages genießen konnten. Etwa in Brisbane, in einem Ort in Dänemark, aber auch hier in Deutschland, in Hannover. Es ist eine großartige Möglichkeit eine neue Stadt kennen zu lernen und manchmal entdeckt man dabei Dinge die selbst den Einheimischen noch fremd sind.
Lisa: Gestern haben wir auch ein Museum in Bad Frankenhausen besucht. Gleich morgens nach dem Aufstehen sind wir dort hin.
Brenley: Und natürlich lieben wir es in Europa an freien Tagen shoppen zu gehen. Europa ist da bezüglich der Mode Amerika immer einen Schritt voraus. Wenn du dir hier ein paar neue Schuhe kaufst, dann bekommst du die in Kanada erst zwei Jahre später. Wir stylen uns also hier immer neu ein. (lacht)
Findet ihr auch die Muse während des Unterwegsseins an neuen Songs zu arbeiten oder liegt der Fokus ganz auf den Shows?
Brenley: Nun, Inspirationen finden sich einige und die Ideen notieren wir uns. Aber eigentlich bleibt für viel mehr keine Zeit. Wir haben vielleicht alle zehn Tage mal einen „Day off“, da besteht kaum eine Möglichkeit mal die Gitarren auszupacken um an neuen Songs zu arbeiten. Aber manchmal, wenn wir früh genug an einer Location ankommen und den Soundcheck hinter uns haben, dann nehmen wir backstage schon mal die Gitarren zur Hand. Dabei kann durchaus etwas Magisches passieren, wenn alle Eindrücke und Ideen der letzten Wochen wieder lebendig werden. Aber wie du schon sagtest, hauptsächlich dreht sich alles um die Shows und darum genügend Schlaf zu finden. (lacht)
Lisa: Manchmal hört man von Bands die erzählen, dass sie nach einem Gig noch stundenlang gejammt haben. Dazu gehören wir sicher nicht. Wir sind neun bis zehn Monate im Jahr unterwegs on tour und täglich sitz du mehrere Stunden im Auto, machst Soundcheck und spielst dann die Show. Danach will ich einfach nur noch abschalten können, etwa den Fernseher einschalten um etwa im Ausland eine andere Sprache zu lernen oder einfach nur mit einem Glas Wein in der Hand zu chillen und den Auftritt noch einmal reflektieren. Es ist sehr schwer während einer Tour den Kopf klar zu bekommen und kreativ zu sein.
Worüber zu Schreiben fällt euch am Schwersten bzw. Leichtesten?
Brenley: Meine Songs sind eigentlich sehr persönlicher Art. Ich denke man wird tougher, wenn man etwas sehr persönliches von sich gibt und das vielleicht auch noch etwas sehr trauriges ist. Aber man möchte dabei einen Weg finden um sich auszudrücken ohne das sich andere Menschen dabei unbehaglich fühlen. Als jemand der den Song hört, sollst du dich aber in dem Song wieder finden können, so das meine ganz persönliche Geschichte vielleicht zu deiner wird. Aber wenn es zu persönlich wird, dann…ah, es ist schwer zu erklären. Du weißt schon, manchmal hörst du einfach einen Song und du fühlst dich irgendwie unangenehm berührt davon. Du möchtest das eigentlich gar nicht hören.
Lisa: Sie meint das so, das du dich in ihrer Geschichte darin wieder finden kannst. Das du eine Art Beziehung zu dem Song bekommst.
Das heißt du schreibst nur über persönliche Dinge?
Brenley: Ja, für mich als Songwriterin kommt gar nichts anderes in Frage. Ich kann nicht anders. Lisa dagegen kann auch Geschichten erfinden und darüber Songs schreiben.
Lisa: Das ist eben meine Art. Egal ob es sich um eine völlig erfundene Geschichte oder um etwas aus dem Leben von jemand anders handelt, in meinem Kopf entsteht daraus eine fertige Geschichte.
Brenley: Darin zeigt sich unser jeweiliges Naturell. Lisa neigt dazu ihr Leben etwas verschlossener zu halten als ich. Ich bin dagegen wie ein offenes Buch. Aber wir kooperieren meistens und schreiben die Songs zusammen, was bedeutet, das eine Songidee etwas persönlicheres bekommt wenn ich etwas mehr dazu beitrage und umgekehrt Lisa aus einer Songidee von mir die Geschichte in eine andere Richtung bringt.
Euer Konzert hat dem Publikum augenscheinlich gut gefallen und sie hatten eine Menge Spaß. Wie ihr auch. Im Internet hab ich aber auch schon Shows gesehen von euch, die wesentlich ruhiger und zurückgenommener ablaufen….
Lisa: Ja, definitiv. Die Umgebung und das Publikum beeinflussen natürlich eine Show. Wir reden normalerweise noch viel mehr auf der Bühne und bestimmte Songs benötigen eine lange Vorrede damit die Zuhörer den Sinn dahinter erkennen. Aber das kannst du nicht immer bringen. Und du musst sicher sein, das die Leute es auch verstehen.
Brenley: Und du darfst nicht vergessen, das es sich heute um ein Festival gehandelt hat und wir am Nachmittag gespielt haben. Die Leute sind den ganzen Tag auf den Beinen und es spielen jede Menge Bands. Wenn du von der Bühne hinunter schaust, dann hast du das Gefühl die Leute stehen dicht beieinander und rühren sich nicht von der Stelle. Aber das täuscht. Es wandern auch welche ab oder die Konzentration lässt nach. Deshalb haben wir die ruhigeren Songs etwas vernachlässigt. Die kommen einfach besser abends an und bei Shows in intimerem Rahmen.
Zuhause in Kanada tretet ihr auch mit kompletter Backing Band auf, oder?
Brenley: Manchmal, aber immer seltener. Wir haben uns schon seit längerem dafür entscheiden das Ganze etwas zurückzufahren und die letzten hundert Shows standen wir nur noch als Trio oder gar als Duo auf der Bühne.
Was glaubt ihr, welche Menschen sprecht ihr mit eurer Musik an, welche Leute kaufen eure Platten und kommen zu euren Konzerten?
Lisa: Wir haben eigentlich eine sehr breit gefächerte Fanbase.
Brenley: Aber der Altersdurchschnitt ist sicherlich etwas höher als gewöhnlich. Es kommen zwar auch Teens zu unseren Shows, aber die überwiegende Mehrheit ist über dreißig und das reicht bis zu über Sechzigjährigen. Ich denke das liegt einfach daran, das unsere Musik etwas old-styled ist. Klar, sie ist zeitgemäß aufbereitet, aber man hört eben das wir mit alter Countrymusik aufgewachsen sind und da ist es nur natürlich das es viele Ältere anspricht. Aber ich empfinde das auch als ein Kompliment so eine breite Altersspanne zu erreichen. Mal sehen wie es sich mit dem neuen Album entwickelt, auf dem wir einige sehr „Old-school“ mäßige Bluegrass Stücke präsentieren...
Lisa: ….und aber auch gleichzeitig einen etwas mehr poppigeren Sound entwickelt haben.
Das ist eine gute Überleitung zur nächsten Frage. In der öffentlichen Wahrnehmung, zumindest hier in Deutschland, werdet ihr unter Country einsortiert. Jedenfalls scheint euch dadurch, der alternative Markt (der er ja eigentlich längst nicht mehr ist) und eine Beteiligung am aktuellen Folkboon außer Reichweite. Ich nehm nur ein Beispiel: Freakwater waren stets Alternative, die Dixie Chicks Mainstream Country. Wie seht ihr das und ist euch das wichtig?
Brenley: Das haben wir eigentlich niemals in Betracht gezogen, etwa in dieser Schublade zu landen, in der man Bands wie die Fleet Foxes findet. Und unsere Musik ist auch keine wirkliche Folkmusik. Ein Folksänger nimmt sich einem bestimmten Thema an und das ist bei uns anders. Ich würde uns eher als Singer/Songwriter mit einem gewissen Pop-Appeal bezeichnen und uns eher in der Sparte Alt. Country/Bluegrass sehen, wenn man denn dem Genre einen Namen geben will.
Lisa: Ich würde auch eine Band wie die Fleet Foxes nicht als Folk Band bezeichnen, es ist zeitgenössische Musik mit alten Wurzeln, die einfach gut aufbereitet wurde und die Band hat das Glück unter diesem Folkschirm gelandet zu sein, der aktuell sehr in ist. Das war ja nicht immer so, denn Folk kann durchaus eine gefährliche Bezeichnung sein, vor allem für junge Leute. Countrymusic etwa, musste lange Zeit unter so einem Negativimage leiden.
Erzählt doch einfach mal etwas zum neuen Album…
Brenley: Es heißt „The Good in Goodbye“ und wie der Titel schon sagt, geht es in den Songs oft darum das es manchmal auch etwas Gutes hat Abschied von etwas zu nehmen….
Lisa: Das Ende einer Beziehung kann die Chance für eine Neue sein, wenn jemand wegzieht oder wenn man jemand durch den Tod verliert, dann kann es tröstlich sein, wenn man darin etwas Positives erkennen kann, weil es Platz schafft für etwas Neues. Darum geht es in vielen Songs auf dem neuen Album.
Brenley: Musikalisch ist es von den Melodien her eher in Richtung Pop gehend, aber die Ausführung ist eher Bluegrass, mit Banjo, Mandoline und viel Akustikgitarren.
Lisa: Vor allem mit viel Banjo, deshalb auch diese Nähe zu Bluegrass, während auf dem letzten Album ja eher die Fiddle oder der Stand-up Bass neben den Akustikgitarren zu hören waren.
Brenley: Wir sind übrigens noch immer auf der Suche nach einem „Kick-ass“-Banjo-Player, der uns auf der Bühne begleitet.
Das letzte Album habt ihr Granada aufgenommen…
Lisa: Nein, das stimmt nicht. Wir haben die Songs dort geschrieben.
Brenley: Das neue Album entstand dagegen an unterschiedlichen Orten, hier und da ein Song und zum ersten Mal haben wir uns nicht zu einem Arbeitsurlaub entschlossen um die Songs zu schreiben. Wir haben dann zu Hause die Songs ausgearbeitet, was etwas stressig war sich dafür die Zeit frei zu nehmen, aber letztlich sind wir sehr zufrieden und ich bin sehr überrascht wie toll die neue Platte geworden ist.
Eure Heimat Kanada ist für viele Deutsche ein Traumland. Welches Vorurteil über Kanada stimmt nicht?
Brenley: Die Leute haben die Vorstellung das es immer sehr kalt wäre und das es vor Bären nur so wimmeln würde.
Lisa: Ich habe in meinem ganzen Leben bislang einen Bären gesehen.
Na gut, ihr lebt in der Großstadt, dahin verirren sie Bären wohl eher selten…
Lisa. Nein, nein, ich bin auf dem Land groß geworden…
Brenley: …und ich ebenfalls, in einem kleinen Dorf.
Jedenfalls, als wir Toronto vor ein paar Tagen verließen das waren es dort 42 Grad Celsius! Also, es kann verdammt heiß werden im Sommer, aber eben auch verdammt kalt im Winter.
Lisa: Aber wir leben nicht in Iglus.
Brenley: Und die Leute sagen auch immer das die Kanadier freundliche Menschen seien, was natürlich nicht für alle gilt. Allerdings trifft letzteres nicht auf uns zu. Wir gehören definitiv zu den freundlichen Kanadiern. (lachen)