
Haldern Pop Festival 2011
Wo selbst die Kühe auf der Weide mit Stolz den Festival-Schriftzug zur Schau tragen, da scheint die Welt noch in Ordnung. 6500 Musikbegeisterte pilgerten am zweiten Augustwochenende wieder mal nach Haldern und bereut haben dürfte es keiner. Denn zumindest musikalisch herrschen in diesem Teil der Welt noch geradezu paradiesische Zustände. Von den Sommerunwürdigen Wetterkapriolen mal abgesehen….
„Robots need love too, they want to be loved by you…“ tönt es aus hunderten Kehlen durch das wundervolle Spiegelzelt. Die Zugabe des kanadischen Songwriters und Folkrockers Dan Mangan, ist eines der emotionalen Highlights des Wochenendes, was schon was heißen will, ist das Haldern Open Air doch stets eine Ansammlung von Gänsehautmachenden Momenten. Dies ist auf jeden Fall so einer. Mit seiner rauen Stimme, seinem spitzbübischen Humor und den zwischen Melancholie und unbändiger Spielfreude hin und her wechselnden Songs, schafft es der bärtige Troubadour aus Vancouver von Beginn an die Menge um den Finger zu wickeln. Der schmucke Holzbau, mit den bunt verglasten Fensterscheiben, ist überhaupt ein Hort der Verzückung, der Freude und der Entdeckungen. Mehr als nur ein Fluchtpunkt wenn es mal wieder regnet, und das tut es leider oft an diesem Wochenende eines Sommers, der anscheinend keiner sein möchte. Schon am Donnerstag, dem Tag der Anreise, platzt das Zelt aus allen Nähten, während die Avett Brothers mit schmissigem Hillbilly-Rock die Menge zum Tanzen bringen und es der nachfolgenden Anna Calvi schwer machen, mit ihren eher düsteren Songs so richtig wahrgenommen zu werden. Dennoch eine grandiose Show der englischen Diva. Am Freitag dann, der eigentliche Beginn. Persönliche Favoriten, die schon im Voraus dick angestrichen wurden auf der persönlichen „Must-See“ Liste, überzeugen durchweg. Dry The River aus London, zeigen sich trotz anfänglicher Soundprobleme und einer leichten Nervosität angesichts ihres ersten großen Deutschland Auftritts, als die bestechende Liveband, als die ich sie im Frühjahr kennen lernen durfte. Timber Tibre sind gewohnt mysteriös und gewinnen dem Blues völlig neue Seiten ab und als Neuentdeckung bleibt mir der irische Barde James Vincent McMorrow in Erinnerung, der spät nachts, mit seinen betörenden Folksongs für Momente der inneren Einkehr sorgt und dazu nicht mehr braucht als eine Gitarre und eine unglaublich berührende Falsettstimme. Bei der Zugabe, einer betörend schönen Version des Chris Isaak Klassikers „Wicked game“, wird es gar so unglaublich still im Rund, das man die berühmte Stecknadel fallen hören könnte, ehe einen der sich anschließende, brandende Applaus wieder in die Wirklichkeit zurückholt. Das auf dem Haldern Festival niemand Angst haben muss zu wenig Anerkennung zu finden, dürfte mittlerweile bekannt sein. Auch wenn sich die Veranstalter in diesem Jahr ziemlich experimentell geben, was das Angebot an unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen betrifft, so findet hier jeder Künstler seine Fans. Das spricht einerseits für die musikalische Qualität und dem Know-How des zuständigen Bookers, andererseits natürlich für ein Musikbegeistertes Publikum, dem man eine gehörige Portion Entdecker-Gen nicht absprechen kann. Qualität vor Quantität, dafür braucht es eben nicht die ganz großen Namen. Was auffällt: ein Ende des Folkbooms scheint nicht in Sicht. Zwar sind es deutlich weniger Künstler dieses Genres die sich an diesem Wochenende auf dem Festival tummeln, als noch im Vorjahr, aber es ist immer wieder erstaunlich welche musikalische Bandbreite sich dahinter verbirgt und das immer noch neue Namen auftauchen, die in der Lage sind dieser Musikrichtung neue Akzente hinzufügen. Da gibt es den Folk englischer Prägung, wie ihn ziemlich früh am Tage in der Haldern Pop Bar, mitten im Zentrum des kleinen Dorfes gelegen, Matthew & The Atlas zelebrieren, die ganz bestimmt das Potential haben, einmal so groß wie Mumford & Sons zu werden. Golden Kanine aus Schweden blicken bei ihrer Version auch schon mal Richtung Osteuropa und verbinden dortige Einflüsse mit poppigen Melodien und einer gewissen Americana-Ruppigkeit. Ihre schwungvollen Songs sind perfekt dafür geeignet den schwierigen Job als Opener für die Große Bühne am Freitag mit Glanz und Gloria zu meistern. The Black Atlantic, Isbells und Moss musizieren eher im Fahrwasser von Bands wie den Fleet Foxes, melancholisch, musikalisch vielschichtig und von geradezu hypnotischer Grandezza. Okkervill River dagegen haben sich auf ihrem neuen Album von den Zwängen einer Folk-Zwangsjacke befreit, die Americana-Seligkeit abgestreift und ein großartig aufgelegter Will Sheff mutiert während ihres Gigs zum wilden Rocker der den Auftritt seiner Band in ein grandioses, emotionsgeladenes Finale Furioso münden lässt. Ganz großes Kino ist das gewesen und für die nachfolgenden The Wombats bleibt da von meiner Seite aus leider keine Energie mehr übrig. Am Samstag folgt dann auf der großen Bühne das, was man als einen bunten musikalischen Blumenstrauß bezeichnen könnte. Auf die seltsame Gute-Laune Combo La Brass Banda aus Bayern folgt der im Vorfeld heftig diskutierte Auftritt von Wir Sind Helden. Am Ende haben Judith Holofernes und ihre Jungs aber alle in der Tasche und auf dem Platz hüpfen und tanzen die Menschen wie kein anderes Mal in den drei Tagen. Gewagt war es sicherlich The Low Anthem im Anschluss auf die große Bühne zu lassen. Die Band, die für ihre intimen Konzertmomente berühmt ist und die nicht nur mir auf dem letzten Haldern ein unvergessliches Konzerterlebnis im Spiegelzelt beschert hat, scheint doch eher in der Behaglichkeit eines Clubs am besten aufgehoben. Besonders Sänger und Bandleader Ben Knox Miller ist eine gewisse Nervosität anzumerken und vielleicht büßt der so überirdisch klingende, vierstimmige Chorgesang des Quartetts wirklich etwas an Zauber ein, angesichts der riesigen Menschenmenge die vor der Bühne versammelt ist. Das Quartett spielt sich durch eine Songliste ohne Überraschungen, ähnlich den Hallengigs im Frühjahr und vielleicht rührt daher das kleine Quentchen Enttäuschung das ich in mir spüre und sich die Gänsehaut dieses Mal nicht so richtig einstellen will. Mein persönlicher Festivalabschluss soll der Auftritt der Fleet Foxes werden. Darauf hatte ich die ganze Zeit schon hingefiebert und auf persönliche Einladung darf ich dem Gig der Band auf der Bühne beiwohnen. Die Amerikaner befinden sich ja derzeit auf einer Welle des Erfolges und angesichts eines fast unmenschlichen Tourplanes, bei dem die Band seit dem Frühjahr bis in den Herbst hinein, fast ununterbrochen auf einer Bühne steht, muss man sich ernsthafte Sorgen machen. Das Burn-Out Syndrom ist auch bei Musikern nicht unbekannt und der sensible Robin Pecknold, Songwriter und Bandleader der Fleet Foxes, stellte schon bei der letzten Tour einen hohen Erschöpfungsgrad bei sich fest. Ein ausgiebiger Soundcheck verzögert erstmal einen pünktlichen Beginn und es macht die Runde, das die Band vor einigen Tagen während eines Auftrittes in Schweden ausgepfiffen worden wäre, angesichts eines unzumutbaren Sounds. Diese Blöße wollen sie sich natürlich nicht noch einmal geben und ihre vielschichtig instrumentierten Songs, sowie der ausgefeilte, mehrstimmige Harmoniegesang verlangen auch nach klarem, sauberem Klang. Der ist seitlich an der Bühne leider eher verschwommen, aber die Band, die übergangslos in das Konzert startet und mit „The Cascades“ eröffnet scheint zufrieden. Das Programm ist ohne große Überraschungen, was nicht verwundert, hat die Band doch erst zwei Alben am Start und der Auftritt wird routiniert, aber etwas emotionslos erledigt. Pecknold ist keiner, der die Nähe zum Publikum sucht, seine Ansagen halten sich in Grenzen und vom Rest der Band steht ihm da niemand helfend zur Seite. So hat die Band letztlich nichts anderes als ihre Songs zu bieten, die das Eis brechen müssen und das scheint etwas zu dauern, seien sie noch so großartig. Seltsam unberührt erscheint das Publikum, zumindest von hier oben aus betrachtet, und erst bei „White Winter Hymnal“, etwa zur Mitte des Gigs, ist der Jubel angemessen zur sonstigen Euphorie die sich über der Band ergießt. Der fast schon außerirdisch schöne Chorgesang kommt hier zur vollen Geltung und endlich stellt sich der erhoffte magische Moment einer Fleet Fox Show ein. Nach etwa 80 Minuten beschließt der wundervolle Titelsong des neuen Albums „Helplessness Blues“ den Auftritt. Keine Zugabe, Abgang und Pecknold und seine Kumpanen lassen sich von den zahlreich am Bühnenrand versammelten „Zaungästen“ feiern, ehe sie von der Bühne verschwinden. Ein würdiger Headliner des diesjährigen Haldern-Wochenendes sind sie auf alle Fälle gewesen. Später, backstage hinter der großen Bühne und noch vor dem nächtens einsetzenden Dauerregen, sitzt ein bunt gemischter Haufen Musiker und deren Begleiter am prasselnden Lagerfeuer und genießen die familiäre und entspannte Atmosphäre, für die man Haldern so ins Herz geschlossen hat. Musiker wie Fans. Am nächsten Morgen packen wir die tropfnassen Zelte ins Auto und fahren an den Viehweiden vorbei Richtung Autobahn. Beim wehmütigen Blick zurück durch die angelaufenen Scheiben meine ich die Kuh ausmachen zu können, die nun nichts mehr als einen verlaufenen, grünen Farbkleks auf dem breiten Rücken trägt der einmal das Festival-Logo war und sich über das nasse Gras zu freuen scheint. Haldern Pop macht eben nicht nur Musikfreaks glücklich! (Words & Fotos by Frank „Indy“ Wienand)